Ein spezielles Erlebnis

Oft werde ich gefragt, ob ich nie einen Zwischenfall erlebt habe bei soviel Fliegen! Und ich kann versichern, dass es nie einen ernsten Zwischenfall gab. Klar kam es mal vor, dass beim Start ein Vogel in ein Triebwerk geriet und dieses anschliessend genau untersucht werden musste, denn ein Vogel kann durch die Wucht des Aufpralls das Triebwerk beschädigen. Ein harmloser Go-Around in London (erneutes Hochziehen des Flugzeuges während dem Landeanflug) sowie ein Fehl-Feueralarm während des Take Offs blieben mir in Erinnerung, ansonsten erlebte ich keinen Zwischenfall. Gelegentliche Verspätungen wegen eines Technischen Fehlers kamen vor, jedoch ist das nichts weiter, wie wenn man kurz mit dem Auto zur Garage fahren muss, damit der Monteuer ein Teil austauschen kann.

Am 16. August 1999 flog ich nach Istanbul und hatte dort eine Übernachtung im Hotel Crowne Plaza. Das Hotel ist ein gläserner Wolkenkratzer mit atemberaubender Sicht auf das Meer. Ich wohnte im 17. Stock, und ein Teil meiner Besatzung ebenfalls. Ich schlief dann friedlich ein, wachte dann später mitten in der Nacht aber wieder auf, weil ich einfach nicht mehr schlafen konnte. Ich wälzte mich hin und her und war wieder hellwach! Ich lag gerade auf dem Bauch, als um genau 03.02 Uhr das Bett anfing, zu wackeln, und ich mich an der Matratze festhalten musste. Es wurde immer heftiger, und die ganzen Möbel im Zimmer klapperten und wackelten. Danach fiel der Strom aus. Was ich soeben erlebte, war eines der schwersten Erdbeben, welches in dieser Nacht zwischen 15000 und 20000 Todesopfer forderte.

Ich versuchte die Reception telefonisch zu erreichen, kam aber erstmal nicht durch. Obwohl ich hellwach war, war ich mir nicht bewusst, ob das nun Realität war oder nicht. So fragte ich die Dame an der Reception, was das gewesen sei. Danach ging ich raus auf den Korridor, und 4 meiner Besatzungsmitglieder standen ebenfalls bereits auf dem Flur. Die ganze Nacht noch folgten Nachbeben, und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Eine Hostess war derart verängstigt, dass sie die Nacht unten verbrachte. Eine andere Hostess erzählte, sie sei ans Fenster gerant, und der ganze Turm habe mehrere Meter hin- und hergeschwankt. Das Hotel hat das Erdbeben bis auf ein paar Sachbeschädigungen gut überstanden, jedoch wechselte die Swissair aufgrund dieses Ereignisses das Hotel und verfrachtete ihre Crews anschliessend in das Swissotel (wo am 23. April 2001 Geilselnehmer die Lobby stürmten und für mehrere Stunden ca. 60 Geiseln gefangen hielten, darunter auch eine Swissair Besatzung).

Auf der Fahrt zum Flughafen wurde das Ausmass des Erdbebens sichtbar. Zerstörte Häuser überall, und sogar auf dem Flughafen bebte die Erde noch. Einige Passagiere kamen ohne Kleidung, nur in Unterwäsche bekleidet, ins Flugzeug, weil sie die Nacht draussen verbracht haben. Die ganze Besatzung hatte die Möglichkeit, sich beurlauben zu lassen und in Zürich psychologisch betreut zu werden. Wir lehnten dies aber alle ab und entschieden uns, diese Europa-Rotation zu Ende zu fliegen. Am darauffolgenden Tag hatte ich eine Übernachtung in Berlin. Von da an hatte ich über mehrere Monate hinweg in diversen Hotels das Gefühl, dass der Boden wackeln würde, was jedoch Einbildung war. Die ganze Besatzung erhielt einen persönlichen Brief von Frau Juliana Schwager, Chefin des Departements der Flight Attendants.

Brief von Frau Juliana Schwager

Diese Seite aus dem Hotelprospekt habe ich herausgerissen und als Erinnerung mit nach Hause genommen. Damit ich nicht vergesse, wann und wo das Ereignis statt gefunden hat, habe ich die genauen Details oben hingekritzelt gehabt.