Fragen und Antworten über den Beruf Flight Attendant

Diese Antworten wurden von mir, Alexandra McCarthy, beantwortet und beziehen sich auf meine Zeit als Flight Attendant bei der Swissair und Swiss International Airlines.

Wie bin ich zum Beruf Flight Attendant gekommen?

Wie lange war die Ausbildung?

Welches sind die Sonnenseiten?

Welches sind die Schattenseiten?

Ist dieser Beruf physisch/psychisch anstrengend/belastend?

Hat man genügend Freizeit oder dauernd Stress?

Der Aufenthalt, ist der wie Ferien?

Wie ist der Lohn?

Warum habe ich aufgehört?

Kann man diesen Beruf ein Leben lang ausüben?

Kann man Flight Attendant irgendwie schnuppern?

 

Frage 1: Wie bin ich zum Beruf Flight Attendant gekommen?
Flight Attendant zu werden war schon immer mein Traumberuf. Schon als Kind bewunderte ich die Crews in ihren schönen Uniformen, deren Arbeit es war, um die Welt zu fliegen. Dass ich tatsächlich mal als Flight Attendant arbeiten würde, habe ich trotzdem nie geglaubt. Ich habe im Hotelgewerbe gearbeitet und war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ich suchte erstmal eine Temporärstelle in einem Büro, um weitere Erfahrungen zu sammeln, doch die Jobberaterin auf dem Jobvermittlungs-Institut meinte dann zu mir, sie könne sich mich als Flight Attendant gut vorstellen, ich solle mich doch bewerben. Also habe ich mich beworben, obwohl ich nicht glaubte, dass ich eine Chance hätte. Nachdem ich meine Bewerbung für die Swissair und Crossair abgeschickt hatte, bekam ich eine Zusage für einen Temporärjob in einer bekannten Designer-Firma. Es war geplant, dass ich an einem Freitag den Vertrag für diesen Job unterschreiben gehen sollte. Doch es kam anders. Zwei Tage nachdem ich meine Bewerbung an die Swissair abgeschickt hatte, rief mich die Swissair an und lud mich für ein Vorstellungsgespräch für denselben Freitag ein, an welchem ich den Vertrag für die Designer-Firma unterschreiben sollte. Nun war ich mitten im Dilemma! Meine Pläne waren es eigentlich, für 3 oder 4 Monate in der Designer Firma zu arbeiten, und früher rechnete ich sowieso nicht mit einem Vorstellungsgespräch als Flight Attendant, da allgemein bekannt war, dass man oft monatelange warten musste, bis man endlich von der Swissair eingeladen wurde. Das Schicksal wollte es so, dass die Swissair die 4 besten Bewerber aussuchen musste, um einen Kurs zu füllen, ansonsten würde dieser abgesagt werden. Also versuchte ich den Termin für den Vertrag mit der Designer Firma hinauszuzögern und fuhr an diesem Freitag zum Flughafen zur Selektionierung. Ich fuhr mit dem Gedanken im Zug, dass ich mir keine grossen Hoffnungen machen würde, aber ich würde die Chance nutzen, weil ich es sonst sicher bereuen würde, nicht hingegangen zu sein. Tja...ein paar Stunden mit Interviews, Gruppenarbeiten und Psychotests später hatte ich die Zusage, am darauffolgenden Montag, also nur 3 Tage später, bei der Swissair anzufangen. Ich habe vor Freude geheult und konnte mein Glück kaum fassen. Sofort darauf habe ich die Stelle bei der Designer Firma abgesagt. Meinen Traumjob hätte ich für nichts in der Welt mehr hergegeben. Als ich bereits 2 Wochen im Kurs bei der Swissair war, bekam ich auch noch eine Einladung von der Crossair für ein Vorstellungs-Gespräch...welches ich natürlich grinsend ignorierte.
 
2. Wie lange war die Ausbildung?
Die Ausbildung dauerte 4 Wochen, bevor man den ersten Flug absolvierte. Die Ausbildung beinhaltete verschiedenste Themen, wie zum Beispiel Getränke- und Speisekunde, Kennenlernen von Sitten und anderen Kulturen, Geographie, Länderkunde, Arbeitsabläufe im Flugzeug, Gruppenarbeiten, Praktische Übungen von Notsituationen wie Medizinische Probleme oder Notfälle in speziell dafür eingerichteten Räumen oder Simulatoren, und die Flugzeuge sowie die ganze Ausrüstung musste in- und auswendig gelernt werden. Man spielte auch richtige Service Abläufe in grossen Hallen durch, welche wie ein Flugzeug mit originalen Flugzeugsitzen gestuhlt waren. Die gesamte Ausrüstung dafür war original wie im Flugzeug. Auch die medizinische Ausbildung wurde mit einer menschengrossen Puppe geübt, welche auf Wiederbelbungsversuche reagierte. Zum Beispiel kam der Defibrillator oft bei dieser Puppe zum Einsatz, welcher bei der Puppe einen realistischen Herzschlag wieder erreichen konnte. In den Mock-Ups, das sind flugzeugähnliche Simulatoren, wurden die Notfälle durchtrainiert. Dabei konnten die Ausbilner alle möglichen Fälle inszenieren. Sie konnten zum Beispiel die Türen blockieren, für den Fall dass bei einem echten Notfall die Türen verklemmt sind und man somit die Reaktionen trainieren konnte. Auch konnten sie Bilder projezieren, die einem beim Rausschauen durch das Guck-Loch den Eindruck vermittelten, es würde ein Feuer draussen herrschen, oder wir wären im Wasser gelandet, und aufgrund dessen mussten wir dann richtig reagieren. Auch die Rutschen waren eines der häufigsten Trainings überhaupt. Die Ausbildner konnten die Rutschen ebenfalls so einstellen, dass sie einmal funktionierten, das andere mal wieder nicht. Funktionierten die Rutschen, musste man eine Evakuierung einleiten und alle Schüler mussten die Rutschen herunterrutschen. Funktionierte die Rutsche nicht musste man den Ausgang blockieren und die Leute zum nächsten Ausgang ordern. Auch konnten im Flugzeugsimulator echte Rauchnotfälle trainiert werden. Es gab vom Stromausfall über den Druckabfall bis hin zur Notwasserung nichts, was nicht durchgeübt wurde. Zusammen mit der Feuerwehr wurde auch geübt, Feuer zu löschen, das fing an beim Sitzfeuer über das Feuer in der Toilette bis hin zum Feuer hinter den Gepäckablagen. Die Ausbildung beinhaltete auch ein echtes Wasser-Training im Hallenbad mit echten Rutschen, welche bei einer Notwasserung ja die Funktion eines Flosses oder Boots übernehmen. Jede Woche gab es mehrere Prüfungen. Bereits in der ersten Woche galt es, die ersten Prüfungen zu absolvieren. Das Wochenende bestand aus Büffeln, Büffeln und nochmals Büffeln. Die Prüfungen mussten zu 80% bestanden worden sein, in Noten ausgedrückt ist das eine 5. Wer die Prüfung nicht bestand, hatte einen zweiten Versuch. Bestand man auch den zweiten Versuch nicht, konnte man seinen Traum vom Fliegen begraben. Es gab allerdings neben den sehr, sehr harten, intensiven Kursen auch entspannende Seiten. So besuchte uns auch ein Coiffeur sowie eine Kosmetikerin, welche mit uns Frisuren- und Schönheitskunde durchnahm. Es gab Dinge, die waren ein MUSS, zum Beispiel Lippenstift. Ohne Lippenstift geht man nicht aufs Flugzeug. Verboten sind schwarz lackierte Fingernägel genauso wie sichtbare Tattoos oder Piercings. Waren die Haare länger als bis zum Kragen, mussten sie zusammengebunden werden. Es waren nicht mehr als total 4 Ohrringe erlaubt. Die Uniform-Regeln waren sehr streng. Die Schuhe hatten blau zu sein, Lack war verboten, sowie Rimchen und Schnallen. Es war ein Horror, bequeme Uniformschuhe zu finden!
 
Nach den 4 Wochen absolvierte man den ersten Flug. Mein erster Flug ging nach Delhi in Indien. Die ersten 3 oder 4 Flüge sind Trainigs-Flüge, auf denen man eine Instruktorin erhält. Danach ist man selbständig. Nach einem halben Jahr heisst es wieder ab in die Schule zu einem neuen, 2 wöchigen Kurs. Dort wird man für die Business Klasse Langstrecke ausgebildet. Wenn man auch auf diese Klassen eingeführt wurde, hatte man eigentlich die komplette Ausbildung zum Flight Attendant hinter sich, und es gab eine Diplomierung. Nun konnte man entweder auf diese Weise weiterarbeiten, oder sich später für eine Ausbildung zum Maître de Cabine interessieren, oder sich nach ein paar Jahren Berufserfahrung für die First Class bewerben.
 
3. Welches sind die Sonnenseiten?
Der Beruf Flight Attendant hat viele Sonnenseiten. Man lernt, selbständig zu sein, indem man bereits von Anfang an ohne Hilfe sich alleine im grossen Getümmel des Flughafens zurechtfinden muss. Man lernt, die komplizierten Einsatzpläne zu studieren, damit auch jeder Flug eine komplette Besatzung hatte. Man arbeitete auf jedem Flug mit verschiedenen Crews zusammen, welche man meistens nicht kannte. So lernte man, teamfähig zu sein, sowie auch zu organisieren. Obwohl man sich erst 1 Stunde vor einem Kurzstreckenflug oder 1.5 Stunden vor einem Langstreckenflug kennenlernt, klappt die Arbeit auf dem Flugzeug immer reibungslos und ausgezeichnet. Man hat viel Spass zusammen und geht miteinander um, als würde man die Kollegen schon ewig lange kennen. In vielen Fällen aber fliegt man mit diesen Leuten einmal und dann sieht man sie nie wieder. Deshalb lernt man in diesem Beruf wie in keinem anderen, mit Menschen umzugehen, sich auf engstem Raum aushalten zu können, damit es für alle ein Erlebnis wird. Es ist auch toll, Gäste verschiedenster Nationen in einem Flugzeug haben zu können. Da sitzt die Familie aus Afrika neben dem Herr aus Indien, und wieder nebenan sitzt ein älteres Ehepaar aus Amerika. Flexibilität ist das A und O in diesem Job, und all diese Dinge lernt man für das ganze spätere Leben. Die Atmosphäre vor einem Flug hat mir auch immer sehr gut gefallen. Man fährt zum Flughafen, trifft im Operations Center (das Gebäude, wo sich die Crews vor und nach einem Flug zusammenfinden) Besatzungen, welche gehen und kommen, trifft Leute, die man kennt, fragt, woher kommst Du, ich komme aus Moskau, und wohin gehst Du, ich gehe nach Johannesburg...diese Atmosphäre ist einfach einmalig. Auf einmal wird die grosse weite Welt ganz klein. Im Operations Center ergab sich immer eine Möglichkeit für einen kleinen Schwatz, man traf neue Leute, man traf sich auf einen Kaffee in der Kantine, im Aufenthaltsraum beim Fernsehen oder man traf sich kurz bevor man aufs Flugzeug ging in einem kleinen Raum, nachdem man den Zoll verlassen hatte. In diesem kleinen Raum mussten alle Crews pünktlich anwesend sein, damit man gemeinsam mit dem Bus zum Flieger fahren konnte. Da sassen bis zu fünf Crews beisammen, die einen gingen nach London, die anderen nach New York, die dritten nach Bombay, die vierten nach Los Angeles und die fünften nach Lissabon.
 
Über den Wolken arbeiten zu können ist eines der schönsten Eigenschaften an diesem Beruf. Man ist immer an der Sonne oder bei den Sternen. Es gibt kein Arbeitstag, an dem es regnet oder schneit. Man hat während dem Flug meist viel Spass innerhalb der Besatzungen, bereitet den Passagieren Freude und bei Feierabend ist man an einem anderen Ort auf dieser Welt. Nun sind wir auch schon beim Thema Auslandaufenthalte. Diese sind unterschiedlich lange, jedoch hatte man immer die Möglichkeit, etwas zu sehen. Je nachdem, wie oft ein Flug in diese Stadt flog, war der Aufenthalt kürzer oder länger. Bei einem Europaflug hatte man meist einen ganzen Nachmittag oder einen ganzen Morgen und Mittag zur Verfügung. Eine Europa-Rotation (Rotation nennt man den Einsatz, den man beginnt, bis man wieder frei hat) sieht zum Beispiel so aus:
Am Tag 1 fliegt man von Zürich nach Genf, zurück nach Zürich und dann nach London. In London übernachtete man und hatte dort Freistunden zur Verfügung. Am Tag 2 fliegt man von London nach Zürich, dann von Zürich nach München und zurück und dann weiter nach Wien. In Wien schläft man wieder, und auch dort hat man entweder den Morgen und Mittag, oder den ganzen Nachmittag und Abend zur Verfügung. So geht es weiter, 5 Tage lange, und man schläft jedesmal an einem anderen Ort.
Eine Langstrecken-Rotation sah zum Beispiel so aus:
Man flog von Zürich 12 Stunden nach Los Angeles und hatte dort dann 1 oder 2 Tage frei. In diesen Freitagen konnte man entweder ein Auto mieten und nach Las Vegas fahren, oder ganz einfach in Los Angeles bleiben und Hollywood anschauen gehen, oder Rollerblades mitnehmen und an der Malibu Beach entlangfahren. Oder die längeren Rotationen sahen so aus: Man flog 12 Stunden nach Hong Kong und hatte dort dann 2 Tage frei. Dann hatte man einen kleinen Arbeitstag und flog von Hong Kong weiter nach Manila und zurück. Man übernahm also das Flugzeug von der Crew, die aus Zürich kam. Denn ein Flug von Zürich nach Manila via Hong Kong würde für dieselbe Crew viel zu lange dauern, es wäre fast ein 20 Stunden-Einsatz, und das wäre nicht erlaubt wegen den Ruhevorschriften. Denn die Arbeitszeit beginnt bereits 1.5 vor Take Off, wo man sich ja mit der Besatzung im Operations Center trifft, um den Flug zu besprechen. Wenn man dann den Flug nach Manila und zurück nach Hong Kong hinter sich hatte, hatte man meist nochmals 2 oder 3 Tage in Hong Kong frei, bevor es dann nach Hause ging. Somit dauerte solch eine Rotation schon mal 9 Tage.
Die Hotels waren meist sehr schön und zentral gelegen, vor allem im ferneren Ausland. Das Hotel in Hong Kong war ein 30stöckiges Gebäude direkt am Hafen, mitten in der Skyline. Das Hotel in New York befand sich 100 Meter vom berühmten Times Square entfernt, und das Hotel in Rio befand sich an der Copacabana. Wenn man solch lange Aufenthalte im Ausland hatte, wie zum Beispiel Hong Kong, Rio de Janeiro oder Bangkok, dann nahmen viele jemanden mit, zum Beispiel die Freundin, den Freund, Eltern und die Piloten meist die Frauen und Kinder. Die Familien konnten kostenlos im gleichen Zimmer übernachten, den Flug aber mussten sie natürlich bezahlen.
Es gab auch kürzere Aufenthalte, zum Beispiel Montreal oder Johannesburg. Diese waren sehr anstrengend, da man zum Beispiel an einem Mittag 12 Stunden nach Johannesburg flog, am Abend erschöpft ankam, und dann schlafen ging, und am anderen Abend bereits wieder zurückflog. Doch wenn man es sich ein bisschen einteilte, konnte man auch aus diesen kurzen Aufenthalten einen schönen Tag machen und etwas sehen vom Ort. Und weil man ja meist mehrmals ging, konnte man jedesmal etwas anderes anschauen gehen.
Die Freizeit war auch etwas sehr schönes bei der Fliegerei. So meinen manche, man sei als Flight Attendant fast nie zu Hause. Das stimmt aber nicht, da man als Flight Attendant zwar nicht so oft zu Hause schläft, insgesamt aber mehr Freitage hat als jemand, der im Büro arbeitet. Dies war nicht so weil die Firma viel zu grosszügig war, sondern weil Vorschriften wegen Ruhetagen eingehalten werden mussten. Da man oft in Zonen flog, wo viele Stunden Zeitverschiebung stattfanden, und man dazu auch noch oft nachts arbeiten musste, brauchte man oft Tage, bis man wieder den Rythmus zu Hause fand. Deshalb hatte man nach einer Rotation zwischen 2 und 5 Tagen frei, und kaum war der Rythmus wieder beisammen, ging es weiter in die nächste Stadt!
 
4. Welches sind die Schattenseiten?
Schattenseiten gab es in meinen Augen nicht viele, aber das ist sicher Ansichtssache. Manche Leute mögen den Beruf überhaupt nicht und hören nach kurzer Zeit wieder auf, und andere machen ihn ein Leben lange. Es ist schon so, dass man in den Augen aussenstehender eine Art Servierdüse über den Wolken ist. Natürlich gehört es zur Hauptaufgabe eines Flight Attendants, die Passagiere zu verwöhnen  und ihnen einen angenehmen Flug zu bieten. Doch die oberste Priorität, die grösste Hauptaufgabe überhaupt, ist die Sicherheit. Man ist für die Sicherheit zuständig und genau aus diesem Grund müssen auch eine bestimmte Anzahl Flight Attendants für einen Flug vorgeschrieben sein. Es müssen nämlich mindestens soviele Flight Attendants sein, wie es Türen an einem Flugzeug hat. Und nicht, damit man die Passagiere bedienen kann. Eine Schattenseite war in meinen Augen zum Beispiel, dass es viele respektlose Passagiere an Bord gab. Es gab solche, die meinten, man sei ihre Dienerin, ihr Butler. Diese Leute liessen sich kaum etwas sagen, behandelten einen manchmal wie Dreck, beschimpften einen und es kommt auch manchmal zu Handgreiflichkeiten (Ihr kennt sicher die Geschichte aus der Zeitung, wo ein Passagier auf einem Flug Johannesburg-Zürich einmal einer Kabinenchefin in den Arm gebissen hatte). Bei solchen Passagieren fragte man sich schon manchmal, was man eigentlich noch hier macht...es gab auch Flüge da hat das eine oder andere Flight Attendant auch schon weinen müssen, weil es einfach von einem Passagier fertig gemacht wurde. Diese Art von Leuten lassen sich auch in punkto Sicherheit nichts vorschreiben, sie betrachten alles als eine Schikane und meinen, wir wollen die Leute terrorisieren. Dabei geht es um die Vorschriften, die wir einhalten müssen, denn wenn etwas passiert, ist die Besatzung dafür verantwortlich. Es gab Flüge, die waren für fast jede Besatzung einfach der Horror. Es waren immer die gleichen Flüge, und man konnte fast wetten, dass garantiert mindestens einer von der Besatzung bei solchen Flügen "zufällig" krank war. War die Besatzung mal komplett und niemand war krank, das heisst, es kam keine Reserve zum Einsatz, dann staunte man schon ein wenig. Es waren meist Flüge, wo man sehr viele Spezial-Mahlzeiten zu servieren hatte. Das waren Flüge wie Tel Aviv, Delhi, Bombay und zum Beispiel Tunis. Auf einem Flug nach Indien gab es meist eine grosse Auswahl, da die Inder ja meist Vegetarier sind und dazu noch Hindus. So hatte es westliches Essen, Hindu Essen, Vegetarisches Essen und dann noch irgendetwas...und es war einfach eine Katastrophe, diese Essen zu verteilen, so dass dann auch alle zufrieden waren. Meist war das eben nicht der Fall, da es nur so viele Essen an Bord hat wie Passagiere, und für die hintersten Reihen geht der Wunsch dann eben meist nicht in Erfüllung. Auch Flüge nach Afrika waren nicht sehr beliebt, da diese Leute permanent immer sehr viel Handgepäck dabeihatten. Es gab kaum einen freien Platz, um dieses noch zu verstauen, und meist musste bei einem Afrika-Flug ein Flight Attendant draussen am Gate stehen, um die zu grossen Taschen den Passagieren abzunehmen. Auch hatte es bei Afrika-Flügen immer viele Kinder dabei, und wenn das Flugzeug dann gelandet war und die Passagiere draussen waren, sah so ein Flieger jeweils aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Etwas sehr unangenehmes für uns war es, dass wir bei allen Flügen, die in Zürich landeten, die Sitztaschen ausräumen mussten. Wir zogen dabei jeweils Plastikhandschuhe an, denn in diesen kleinen Sitztaschen, wo ja eigentlich nicht viel Platz hatte ausser das Bordmagazin, deponierten die Passagiere einfach alles: Essen wurde reingestopft, volle Kotztüten, Spielzeug, Socken, Schokolade, gebrauchte Windeln...es war einfach ein erniedrigendes Gefühl, diese Sitztaschen zu leeren. Auf manchen Flügen, wo es einen Crew-Wechsel gab, wie in dem Beispiel Hong Kong-Manila, musste man die Sitztaschen vor den Passagieren leeren. Also die Passagiere sassen noch da und wir mussten diese ekelhafte Arbeit machen. Und das, obwohl ja eine Putzequippe kam, um das Flugzeug zu reinigen. Das Resultat war meist, dass wir der Putzequippe nur im Weg rumstanden. Da waren dann auf einmal 20 Leute, die sich in den Gängen auf den Füssen rumtrampelten, und man hatte eher das Gefühl, es würde langsamer gehen als umgekehrt. Meist stand man dann auch noch auf das Staubsaugerkabel, und man musste dauernd der Putzequippe aus dem Weg gehen, welche frische Kissen und Wasserflaschen verteilen musste. Dass das Sauberhalten der Toiletten auch zur Arbeit eines Flight Attendants gehört, muss ich an dieser Stelle ja wohl nicht erwähnen. Trotzdem fand ich es weit weniger eklig, die Toiletten zwischendrin zu reinigen, als die Sitztaschen auszuräumen, und das meist nach einem langen, langen Flug, wo man todmüde war und nur noch nach Hause ins Bett wollte. Apropos Müdigkeit. Ganz sicher ein negativ Faktor bei diesem Job sind die Nachtflüge und die Zeitverschiebungen. Man war oft auf dem Hund, vor allem nach Nachtflügen, und zu Hause hiess es dann erstmal schlafen gehen. Nach einem Nachtflug fühlte ich mich meist wie auf Drogen (obwohl ich nicht weiss wie das ist, da ich noch nie welche genommen habe, aber ich könnte mir vorstellen, es könnte ähnlich sein). Man war total gaga, sah alles nur noch verschwommen und man fühlte sich wie wenn man 10 Kilo Dreck an sich hätte. Ich schlief nach einem Nachtflug meist im Zug ein, und es gab auch schon tödliche Unfälle von Flight Attendants, welche sich nach einem Nachtflug ins Auto gesetzt hatten für die Heimfahrt.
 
5. Ist der Beruf Flight Attendant psychisch/physich anstrengend/belastend?
Was sich unter der 3. Frage wie ein Traumjob angehört hat, hat auch anstrengende Seiten. Man muss körperlich fit sein, und Stress aushalten können. Oft war ein Arbeitstag 15 Stunden lang, man schlief schlecht und stand unter Einfluss von Zeitumstellung, Klimawechsel, sowie der Stress den die Passagiere einem entgegen brachten. Man musste lernen, es nicht persönlich zu nehmen, obwohl das meist nicht einfach ist oder gar nicht gelingt. Auch die Arbeit selber, das Schieben und Stossen der Wägelchen mit Getränken und Essen, welche meist sehr viel wogen (ein Getränketrolley wog wenn er voll ist um die 50 bis 70 Kilo). Europa-Flüge waren trotz keiner Zeitverschiebungen meist anstrengender als Langstreckenflüge. Bei Europa-Flügen hatte man 3 oder 4 Flüge pro Tag, und es war viel anstrengender, 4 mal am Tag 200 Passagiere zu begrüssen, zu bedienen und zu verabschieden und 4 mal am Tag zu starten und zu landen, als ein langer Flug an einem Stück. Die Nachtflüge waren dafür auf den Langstrecken schon auch belastend.  Auf ultralangen Flügen konnte man sich die Zeit zum Ruhen einteilen. So gab es auf dem MD11 extra einen Bunker für die Crews, mit 6 Betten, wo wir bis zu 2 Stunden schlafen konnten. Auch mussten auf einem ultralangen Flug immer 3 Piloten dabei sein, dass immer 2 fliegen konnten, wenn einer schlafen ging. Auf Flügen wie New York, Indien, Afrika jedoch gab es keine Ruhezeit für die Crews. So musste man sich die Nacht in der Küche um die Ohren schlagen. Manchmal fielen einem wirklich fast die Augen zu, und dann gab es eigentlich nur eine Möglichkeit, nämlich indem man sich eine Beschäftigung suchte. Entweder man bereitete die Küche aufs Frühstück vor, und wenn dies getan war und alle Passagiere schliefen, verbrachte man die Nacht mit Zeitschriften lesen und Kreuzworträtsel lösen. Ich würde sagen, es ist der schönste, jedoch aber auch einer der anstrengendsten Berufe dieser Welt, aber das wurde einem mit schönen Aufenthalten und Freitagen dafür aber wieder belohnt.
 
6. Hat man genügend Freizeig oder dauernd Stress?
Zu diesem Thema habe ich schon viel gesagt, ich kann aber noch ein paar Dinge anfügen. In meinen Augen gab es genügend Freizeit, mehr als in einem normalen Job, dafür war der Stress-Faktor während der Arbeit aber höher als in einem normalen Job. Ein Flug nach New York dauert um die 8 Stunden. Da die Arbeitszeit 1.5 Stunden vorher anfängt, beträgt die Arbeitszeit schon mal 9.5 Stunden, und dann kommt noch die Zeit dazu, bis man das Flugzeug verlassen hat. Also würde ich sagen, ein "Arbeitstag" nach New York dauert 10 Stunden. Dann kommt die Fahrt  in die Stadt ins Hotel welche meist 1 Stunde dauerte. Man war um ca. 17 Uhr im Hotel, und verliess dieses 24 Stunden später wieder. Dann erfolgte der Heimflug, welcher meist 1 Stunde weniger lange dauert wegen dem Rückenwind, und man landete um ca. 8 Uhr morgens wieder zu Hause in Zürich. So hatte man dann Feierabend und anschliessend nochmals zusätzlich 2 oder 3 Tage frei. Alles in allem doch eigentlich genug, oder? Nach 5 Tagen quer durch Europa hatte man meist 4 Tage frei, und die ganz langen Rotationen wie Hong Kong, Rio de Janeiro oder Bangkok ergaben meist zusätzlich nochmals 5 oder 6 Tage frei zu Hause. So konnte es sein, dass man innerhalt eines halben Monates "nur" 4 Flüge hatte, zum Beispiel 1.Zürich-Rio-2.Rio-Buenos Aires-3.Buenos Aires-Rio-4.Rio-Zürich, dazwischen hatte man 5 oder 6 Tage Aufenthalt in Rio und kam man dann nach Hause hatte man nochmals 4 oder 5 Tage frei. Wenn man das so jetzt zusammenzählt, kommt man nicht ganz auf 14 Tage. Es sind aber 14 Tage, weil ein Arbeitstag nämlich auch als Arbeitstag zählt, sobald der Flug an diesem Tag anfängt. Das heisst, wenn der Flug 5 Minuten vor Mitternacht, also um 23.55 Uhr abhebt, so gilt dieser Tag bereits als Arbeitstag. Auch wenn man den ganzen Tag davor noch frei hatte. Und wenn man dann um 6 Uhr morgens in Zürich landete so galt dieser Tag ebenfalls als Arbeitstag, und die Freitage fingen erst am nächsten Tag an.
 
7. Der Aufenthalt, ist der wie Ferien?
Ich würde nicht sagen, dass der Aufenthalt wie Ferien ist. Immerhin ist man mit fremden Leuten in einem Land, wo man noch nie war, und auch die Leute hat man vorher noch nie gesehen. Das Gefühl ist nicht das gleiche, wie wenn man in die Ferien geht. An einigen Orten geht man oft mit der Besatzung essen, aber man kann natürlich auch selbständig etwas unternehmen. Oft war der Aufenthalt alles andere als Ferien, da man ständig unter Zeitdruck stand. Wenn ich durch New York bummelte, musste ich ständig auf die Uhr schauen, damit ich nicht zu spät ins Hotel zurück kam, weil der Flug ja bereits am Abend wieder nach Hause ging. Auch wenn man viele Freitag in Rio, Peking oder Hong Kong hatte, war der Aufenthalt nicht wie Ferien, da man immer wusste, dass der Flug nach Hause wieder einen grossen Stress geben würde. Ich würde sagen, alles in allem gab es eigentlich nur 4 Flüge, wo ich den Aufenthalt richtig genossen habe, eben wie Ferien. Das waren einmal eine 10-Tages-Rotation nach Rio, wohin ich meinen Vater mitgenommen habe, und wir die ganze Stadt besichtigt hatten. Wir gingen an den Strand der Copacabana und Ipanema, nahmen den Zug rauf auf den Corcovado, den Berg mit der Christus Statue, nahmen die Seilbahn auf den Zuckerhut, tranken jede Menge Caipirinhas (Brasilianisches Nationalgetränk), assen gut und faulenzten auf dem Dach des Hotels wo es einen Pool gab. Der 2. sehr schöne Aufenthalt war in Hong Kong, wo man auch eine Woche Aufenthalt hatte, und auch sehr vieles machen konnte. Einmal traf ich dort auch meinen damaligen Freund, der jetzt mein Mann ist. Da er in Australien lebte, trafen wir uns in der Mitte, also in Hong Kong, und verbrachten die Zeit dort miteinander. Der 3. sehr schöne Aufenthalt war ein Flug nach Los Angeles, wo ich meinen Vater mitgenommen hatte, wir uns ein Auto mieteten und nach Las Vegas in die Spielcasinos fuhren. Und der 4. sehr schöne Aufenthalt war eine Peking-Rotation mit fast 4 Tagen Aufenthalt, wo wir nebst super Wetter auch sehr viel anschauen konnten, so die grandiose Landschaft mit den grünen Bergen und der Chinesischen Mauer, die bunten Märkte und die faszinierenden Tempel.
 
8. Wie ist der Lohn?
Mein Anfangslohn betrug um die 3300 Fr. Brutto. Also nicht sehr viel. Ausbezahlt bekam man dann um die 2700 Fr., also weniger als eine Verkäuferin in der Migros. Wir hatten auch keinen 13. Monatslohn, und arbeiteten trotzdem zu allen möglichen und auch unmöglichen Zeiten, an Feiertagen, nachts...Das schöne war, dass es jedes Jahr eine Gehaltserhöhung gab. Mit jedem Jahr Erfahrung gab es etwas mehr Lohn. Das waren um die 100 Franken pro Jahr mehr, manchmal auch etwas mehr. Nebst dem Lohn gab es noch Spesen. Diese Spesen zählten sich zusammen aus den Flügen, die man hatte. Auf Langstrecke hatte man um die 4 Franken pro Stunde Spesen. Die Spesen fingen an zu laufen, sobald das Flugzeug abhob, und hörten auf, wenn das Flugzeug in Zürich wieder landete. Wenn man also um 12  Uhr nach New York abhob und 2 Tage später um 8 Uhr morgens wieder landete, dann waren das 44 Stunden. Auf einem New York Flug hatte man dann also um die 176 Franken Spesen. Diese Spesen waren dafür gedacht, um sich das Essen im Ausland finanzieren zu können. Da man mit dem Lohn alleine niemals hinkommen würde, um sich das teure Essen im Ausland zu leisten, gab es dafür die Spesen. Auf Europa-Rotationen waren die Spesen tiefer, da das Essen in Europa allgemein nicht so teuer war wie in den USA oder in Asien.
 
9. Warum hast Du aufgehört?
Ich habe nicht aufgehört, weil es mir nicht mehr gefiel, sondern weil ich für die Swissair lebte. Und diese gibt es nicht mehr. Ich hab noch 5 Monate bei der Swiss weitergemacht und dann aufgehört, weil sich viele Dinge geändert hatten, und damit kam ich erstmal nicht klar. Das ist für viele vielleicht nicht verständlich, aber jeder, der einmal eine Art Fusion durchgemacht hatte, kann es vielleicht verstehen. Wenn man mit Herz und Seele stolz ist auf seine Firma und es diese auf einmal nicht mehr gibt, dann hat man damit zu kämpfen. Ich musste erstmal Abstand gewinnen, da ich viele Emotionen hatte. Da für mich die Fliegerei aber alles ist, werde ich mich im nächsten Jahr wieder bei verschiedenen Airlines bewerben.
 
10. Kann man diesen Beruf ein Leben lang ausüben?
Ich denke schon, jedoch würde ich sagen, dass es nicht das gesündeste ist. Da die Airlines heutzutage um ihr Überleben kämpfen, werden die Einsätze immer strenger, die Freitage immer weniger, die Arbeit immer mehr...deshalb denke ich, ist der Job wahrscheinlich nicht mehr attraktiv genug, um ihn ein Leben lange auszuüben. All die Erzählungen über den Beruf Flight Attendant stammen aus meiner Swissair Zeit. Ich habe von Kollegen gehört, dass sich jetzt vieles geändert hat. So gibt es jetzt beispielsweise in Europa kaum mehr eine Übernachtung, sondern es wird meist nach Zürich zurück gekehrt, aus Kostengründen. Somit fallen viele schöne Aufenthalte weg. Auch die Aufenthalte in den fernen Ländern wurden gekürzt oder gar gestrichen. So gibt es heute zum Beispiel keinen Aufenthalt mehr in Rio de Janeiro, San Francisco, und auch Peking wird per nächsten Monat (November) gestrichen. Und die Aufenthalte, die noch übrig bleiben, werden aufs Minimum reduziert. Deshalb denke ich, dass der Job Flight Attendant bis vor dem 11. September 2001 noch ein Traumjob war. Dieser Tag jedoch hat die Luftfahrt verändert, und alle müssen kämpfen. Trotzdem würde ich es wieder machen. Einmal fliegen, immer fliegen.
 
11. Kann man Flight Attendant irgendwie schnuppern, praktisch erlernen?
Nein das geht nicht. Man besucht den 4 wöchigen Basis-Kurs und geht danach fliegen. Gefällt es einem nicht, muss man in der Probezeit aufhören. Es ist nicht möglich, diesen Beruf zu schnuppern.